MTB Transalp vom Bodensee über Scaletta und Bernina hinunter ins Veltlin
Diese Transalp verbindet zwei Welten, die auf der Landkarte weit auseinanderliegen: den Bodensee und das Veltlin. Du startest in Lindau am Wasser und rollst fünf Tage später in Tirano ein, wo man Italienisch spricht und an den Hängen Weinberge liegen. Dazwischen liegt ein Querschnitt durch die Ostschweiz: das hügelige Appenzellerland, das Glarnerland, das Prättigau und schließlich das Engadin. Für dich heißt das: Jeder Tag fühlt sich anders an. Den roten Faden bilden Seen und Pässe. Am ersten Tag begleitet dich noch der Bodensee, bevor du am Ruppenpass vorbei ins Appenzell kletterst. Am zweiten Tag führt die Route über den Risipass und hinunter an den Walensee. Danach wird es alpiner: Der Risetenpass markiert den höchsten Punkt des dritten Tages, am vierten Tag passierst du Schwarzsee, Wolfgangpass und Davosersee, bevor du am Scalettapass das Dach der Tour erreichst. Mich überzeugt, wie logisch sich die Route so Schritt für Schritt nach oben arbeitet und dir am Ende den Süden als Belohnung serviert.
Der letzte Tag ist dafür der beste Beweis. Vom Engadin aus rollst du an Lej da Gravatscha und Lej da Staz vorbei, steigst zum Berninapass hinauf und lässt dann einen großen Teil der gesammelten Höhe laufen, vorbei am Lago di Poschiavo bis hinunter nach Tirano. Fahrerisch ist die Tour über weite Strecken ein Alpencross auf Asphalt, Schotter und Wirtschaftswegen. Gerade am Anfang rollst du viel auf kleinen Straßen und durch Ortschaften. Das geht zügig, hat aber wenig mit Wildnis zu tun. Ab dem dritten Tag wird es ernster. Dann warten lange Anstiege mit einzelnen sehr steilen Rampen, an denen Schieben ganz normal ist. Oben folgen lange Abfahrten, teils mit deutlich über tausend Höhenmetern am Stück. Die Gesamtnote S1 passt für den größten Teil der Strecke, aber nicht für alles: Am dritten Tag liegt ein kurzes Stück im Bereich S3, und der letzte Tag bringt mehrere Kilometer im Bereich S2. Wer sich dort unsicher fühlt, steigt ab. Mit Gepäck und müden Beinen ist das schlicht die vernünftige Entscheidung.
Die eigentliche Hürde ist aber nicht die Technik, sondern die Ausdauer. Fast jeder Tag bringt viele Höhenmeter, und die beiden Etappen in der Mitte sind die härtesten. Dort warten Aufstiege von über tausend Höhenmetern am Stück, und die Tage sind so lang, dass du früh losfahren solltest. Dazu kommt die Höhe. Der höchste Punkt am Scalettapass liegt gut über 2600 Metern, auch am Bernina bist du deutlich über 2300 Metern unterwegs. Dort oben schlägt das Wetter schneller um, und die dünnere Luft macht jeden Tritt zäher. Die Tour passt deshalb zu dir, wenn du schon mehrere Tage am Stück im Gebirge unterwegs warst, auf Schotter und einfachen Wegen sicher bremst und auch am vierten Tag noch Lust auf einen langen Anstieg hast. Für Einsteiger ist sie zu lang und zu hoch. Für erfahrene Tourenfahrer, die einen ehrlichen Alpencross ohne Bikepark-Anspruch suchen, ist sie eine sehr runde Wahl. Und das Ziel im Süden gibt dir jeden Tag einen guten Grund, weiterzutreten.
Alle Informationen zur Transalp Bodensee


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Transalp Bodensee: Etappen-Details
01
Lindau (Bodensee) → Hundwil
Vom Bodensee hinauf ins Appenzellerland, viel Straße, langer Schlussanstieg.
71,7 km
↑ 1.806 hm · ↓ 849 tm
ø 4,4 % · Fahrtechnik S1
02
Hundwil → Glarus
Kürzerer Tag mit steilen Rampen und langer Abfahrt hinunter nach Glarus.
49,2 km
↑ 1.123 hm · ↓ 2.005 tm
ø 4,5 % · Fahrtechnik S1
03
Glarus → Schiers
Steilster Anstieg der Tour, kurze S3-Passage, danach entspanntes Ausrollen ins Prättigau.
74,1 km
↑ 2.050 hm · ↓ 1.858 tm
ø 4,6 % · Fahrtechnik S3
04
Schiers → Scanfs
Königsetappe mit den meisten Höhenmetern, zum Dach der Tour und hinab ins Engadin.
62,7 km
↑ 2.222 hm · ↓ 1.222 tm
ø 5,2 % · Fahrtechnik S1
05
Scanfs → Tirano
Noch einmal hoch hinaus, dann lange, teils anspruchsvolle Abfahrten bis ins Veltlin.
79,5 km
↑ 1.352 hm · ↓ 2.584 tm
ø 3,5 % · Fahrtechnik S2
Bilder




Beste Reisezeit
Mein Tipp: Plane die Tour zwischen Mitte Juli und Ende September. Der Grund liegt vor allem am vierten Tag. Mit über 2600 Metern führt die Route in Höhen, in denen sich Altschnee in schattigen Mulden oft bis in den Sommer hält. Auch der dritte und der fünfte Tag reichen deutlich über 2000 Meter. Unten am Bodensee und in Tirano ist es dagegen schon im Frühling warm. Davon solltest du dich nicht täuschen lassen.
Ein früher Termin Ende Juni kann klappen, bringt aber das Risiko von Schneefeldern, nassen Wegen und nötigen Umwegen. Dafür sind die Wiesen im Appenzellerland und im Engadin dann besonders satt grün. Im Hochsommer musst du mit Wärmegewittern rechnen. Starte die langen Bergtage deshalb früh, damit du die hohen Abschnitte möglichst am Vormittag hinter dir hast.
Ein später Termin im September bietet oft klare Luft und angenehme Temperaturen für die langen Anstiege. Die Tage werden aber kürzer, die Morgen im Engadin können frostig sein, und erste Schneefälle in der Höhe sind möglich. Im Veltlin beginnt dann die Weinlese, was den Zieltag zusätzlich reizvoll macht. Egal wann du fährst: Prüfe vor dem Start Wetter, Schneelage und Hüttenbetrieb vor Ort.
Tipps für deine Ankunft
Tirano ist kompakt und leicht zu überblicken. Das Städtchen liegt im Talboden an der Adda, eingerahmt von Weinterrassen, und fühlt sich nach den Tagen im Engadin sofort nach Süden an: wärmer, lauter, entspannter. Mein erster Programmpunkt nach dem letzten Bremsmanöver ist die Piazza vor der Wallfahrtskirche Madonna di Tirano. Dort rollt die rote Bernina-Bahn der Rhätischen Bahn mitten durch den Ortsverkehr, quasi über den Dorfplatz. Setz dich mit staubigen Waden an den Rand, schau dem Zug zu und lass realisieren, dass du ihn gerade mit eigener Kraft überholt hast. Danach suchst du dir eine Unterkunft, in der das Bike sicher steht, und gönnst ihm eine kurze Wäsche. Kette und Bremsen haben nach den langen Abfahrten des letzten Tages Pflege verdient.
Dann wird gegessen, und zwar ordentlich. Als Snack zwischendurch empfehle ich Sciatt, kleine frittierte Bällchen aus Buchweizenteig mit geschmolzenem Käse im Kern, oder ein paar Scheiben Bresaola, den luftgetrockneten Rinderschinken des Veltlins. Für den Zuckerhaushalt gehört ein Gelato dazu, ganz ohne schlechtes Gewissen. Am frühen Abend ist Aperitivo-Zeit: ein Spritz oder ein Glas Veltliner Rotwein, dazu ein paar Häppchen. Abends führt kein Weg an Pizzoccheri vorbei, den Buchweizennudeln mit Kartoffeln, Wirsing, viel Butter und Käse. Das ist ehrliches Bergessen und genau das, was deine leeren Speicher nach fünf Tagen wollen. Ein Glas Sforzato dazu, und der Tag ist perfekt. Bei der Wahl des Lokals hilft ein simpler Trick: Geh dorthin, wo Einheimische sitzen.
Wenn du noch einen Tag Zeit hast, lohnt ein entspannter Spaziergang durch die Altstadt mit ihren alten Palazzi, etwa dem Palazzo Salis, der an die lange Bündner Geschichte des Tals erinnert. Viele Biker nutzen den Ort aber vor allem als Ausgangspunkt für den Rückweg. Die Bernina-Linie bringt dich über die Alpen zurück Richtung Engadin und Chur, und die Fahrt ist eine schöne Gelegenheit, Teile deiner Route von oben noch einmal anzuschauen. Kläre vorher, ob und wie du dein Bike mitnehmen kannst und ob eine Reservierung nötig ist. Mein Tipp: Plane diesen Teil nicht auf den letzten Drücker, sondern gönn dir lieber eine entspannte Nacht in Tirano.
Transalp Bodensee: Mein Fazit
Die Transalp vom Bodensee nach Tirano, Veltin ist für konditionsstarke Tourenfahrer mit Alpenerfahrung gemacht, die lieber lange Strecken in wechselnden Landschaften sammeln als Trails zu jagen. Mich überzeugt vor allem der Aufbau. Du startest flach am See, kletterst durch die Voralpen und erreichst erst am vierten Tag das Dach der Tour. Wichtig ist dabei, drei Dinge auseinanderzuhalten. Konditionell sind der dritte und der vierte Tag die härtesten, jeweils mit über 2000 Höhenmetern bergauf. Die Höhe gipfelt am vierten Tag auf rund 2600 Metern. Technisch liegen die schwierigsten Stellen dagegen woanders: ein kurzes S3-Stück am dritten Tag und mehrere Kilometer S2 am Schlusstag. Dass du jeden Abend in einem Ort ankommst, macht die Logistik zudem angenehm einfach.
Der Haken: Die Transalp ist streckenweise sehr straßenlastig. Vor allem der erste Tag führt viel über Asphalt, Wohnstraßen und Gehwege, und auch später gibt es Verbindungsstücke, die eher Transfer als Erlebnis sind. Am dritten Tag folgt auf die große Bergpassage ein langer, nahezu flacher Talabschnitt, der sich nach dem harten Anstieg zäh anfühlen kann. Und dieser Anstieg selbst hat einzelne Rampen, die so steil sind, dass du schieben wirst. Wer einen Alpencross mit möglichst viel Pfad sucht, sollte das wissen und seine Erwartungen entsprechend anpassen.
Mein Gesamturteil fällt trotzdem positiv aus. Die Tour bietet einen ehrlichen, gut lesbaren Weg vom Bodensee über die Ostschweiz bis nach Italien, mit einem Finale, das sich wirklich verdient anfühlt. Technisch bleibt sie über weite Strecken im Rahmen, verlangt dir aber an zwei Tagen Konzentration ab. Konditionell solltest du gut vorbereitet sein, denn die Höhenmeter summieren sich über fünf Tage spürbar. Ich würde sie jedem empfehlen, der schon einen leichteren Alpencross hinter sich hat und nun mehr Höhe und mehr Abwechslung sucht. Wer dagegen vor allem Trailspaß will, wird mit dieser Route eher nicht glücklich.







